In Zeiten von Corona werden wir fast täglich mit unserer Endlichkeit konfrontiert und manch einer von uns denkt über seinen eigenen Tod und die gewünschte Beisetzung nach. Dabei entdecken in den vergangenen Jahren immer mehr Menschen alternative Bestattungsformen für sich. Christliche Traditionen verlieren mehr und mehr an Bedeutung, auch vor dem Hintergrund, dass man Angehörigen nicht eine jahrelange Grabpflege zumuten möchte.

Ganz anders war dies vor nicht allzu langer Zeit, als die Menschen noch größten Wert auf die schmucke Gestaltung der letzten Ruhestätte ihrer Verstorbenen legten. Besonders häufig finden sich aus dieser Zeit traditionelle schmiedeeiserne Grabkreuze, die europaweit verbreitet und gerade im Alpenraum sehr ausgestaltet und detailverliebt sind. Der Reichtum allein an Ornamenten, Kreuzblumen und Schnecken auf den schmiedeeisernen Grabkreuzen ist äußerst vielseitig und wandelte sich je nach Epoche.

So waren gotische Grabkreuze besonders schlicht und nur mit spärlichen Ornamenten versehen. Das genaue Gegenteil findet sich im Barock und Rokoko, als die sakrale Kunst an den Grabkreuzen ihren Höhepunkt erlebte. Rosetten, Kreuzblumen, Engel, Heilige, Kreuzigungsszenen, Totenköpfe, aber auch Lilien als Symbol für Seelenreinheit und Unschuld des Verstorbenen gehörten zu den üppigen Verzierungen. Aus dem 17. Jahrhundert stammen Grabkreuze mit verschließbaren Kästchen, in denen der Name und die Daten des Verstorbenen, sein Schutzpatron als Fürbitter, Zeichnungen oder fromme Sprüche hinterlegt wurden. Aber noch Anfang des 20. Jahrhunderts finden sich viele Beispiele an Grabkreuzen, die durch reichhaltigen Schmuck und einer Vielfalt an Symbolen von der Vorstellungskraft und dem handwerklichen Geschick der Schmiede zeugen.

Anfang dieses Jahres wurde unsere Firma damit betraut, ein derartiges schmiedeeisernes Grabkreuz zu restaurieren. Um mehr über die Bearbeitung dieses Meisterwerkes zu verstehen, brachten wir zuerst Details über den Handwerker in Erfahrung, der dieses Kreuz gefertigt hatte. Bei unserer Arbeit kamen auf der Rückseite die zwei Initialen Gg. zum Vorschein, mit denen wir auf die Suche gingen. Beim Wirtschaftsarchiv Baden-Württemberg und danach beim Stadtarchiv Ulm wurden wir fündig und erhielten folgende Informationen:

Gg. steht für Schlossermeister Georg Johann Maier (*10.4.1857, +9.11.1934):

–     er war Schlossermeister und gründete seinen Betrieb zwischen 1880 und 1890

–     zwischen 1885 und 1925 war er für den Ulmer Kunst- und Handwerkverein tätig

–     er war Präsident der Handwerkskammer Ulm von 1917 bis 1933

–     1925 wurde er zum Ehrenobermeister der Schlosserinnung Ulm ernannt

–     die Geschäftsaufgabe war entweder 1929 bzw. 1930

Mit all diesen weitreichenden Informationen gingen wir mit einer gewissen Ehrfurcht vor so viel Zeitgeschichte an die behutsame Restaurierung der Untergründe. Zuerst wurden die alten, stark abblätternden Farbschichten und der Rost mit einem chemischen Verfahren vorsichtig abgetragen. Nach Entfernung der alten Nieten und der Zerlegung des Kreuzes in seine Einzelteile konnte der Lack neu aufgebaut werden. Dabei wurde ein besonderes Augenmerk auf die historische Farbgebung gelegt. Der Strahlenkranz, der Corpus Christi und verschiedene Schmuckelemente erhielten eine neue aufwendige Ölvergoldung. Nicht zuletzt wurde das Kreuz in einen neuen Steinsockel eingeklebt und dieser neu beschriftet.

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Jetzt erstrahlt das restaurierte Meisterwerk auf dem Stadtberger Friedhof in neuem Glanz und wenn man daran vorbeiläuft, meint man zu hören, wie es einem die Geschichten aus längst vergangenen Tagen erzählt.

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